Tabubruch in New York

Die New Yorker kann eigentlich nichts mehr schocken.
Kleidungstechnisch haben die eigentlich schon alles gesehen, egal wie schrill oder ungewöhnlich man aussieht, man wird nicht komisch angeguckt, man wird eigentlich kaum eines Blickes gewürdigt. Da kann Frau mit regenbogen-bunten Haaren oder Mann in Rock mit Highheels in der Bahn sitzen, das interessiert keinen. Wenn mal welche tuscheln sind’s Touristen.
Es ist nicht so, dass die New Yorker unaufmerksam wären. Ich hab in Deutschland nie so viele Komplimente bekommen wie hier. Man sagt, wenn einem etwas gefällt. “Deine Tasche gefällt mir.” “Schöne Schuhe hast du!” sagen sich sogar die Frauen gegenseitig in der Bahn.
Ich mag das. Oft denke ich “Wow, das sieht ja toll aus!” Und dann sage ich es einfach. In Deutschland würde man dafür wahrscheinlich schief angeschaut.

Kürzlich habe ich in der U-Bahn in Brooklyn einen älteren Herren mit Piercings und in schwarzer Lederjacke gesehen. Den alt-Rocker hat keiner groß beachtet - ganz normal sowas.
Wenn ich mir vorstelle mein Vater würde sich so im Dorf sehen lassen, das stünde sicher am nächsten Tag in der Zeitung.

Nun zu meinem Tabubruch:
Ich bin morgens wie immer spät dran und es wird zu knapp mein Müsli noch aufzuessen. Da fülle ich es mir einfach in einen großen Plastikbecher und gehe zur Bahn. Ich spüre richtig die Blicke an mir. Ein Autofahrer dreht den Kopf im Vorbeifahren zu mir, auch der Obdachlose auf der Parkbank schaut mich komisch an.
“Die gucken ja als hätte ich vergessen meine Hose heut morgen anzuziehen?!” Denk ich. Nacktheit ist neben meinem Fauxpas nämlich das nächste Tabu.
Ich klär mal auf: Wenn in amerikanischen Filmen Alkohol getrunken wird, dann ja IMMER aus diesen großen roten Plastikbechern. Das ist nicht nur ein Klischee, das ist tatsächlich so.
Alkohol in der Öffentlichkeit ist ja streng verboten und ich laufe da so unbehelligt die Straße entlang mit einem signalroten Becher, der förmlich schreit “ich bin randvoll mit ALKOHOL!!!”
Dass in meinem Becher nur Müsli war und kein Schnaps konnte ja keiner ahnen. So erregt man also doch noch ein kleines bisschen Aufsehen in New York - mit einem roten Plastikbecher.

Gentrifizierung im Sekundentakt.

Die Gentrifizierung (von englisch “gentry” - “niedriger Adel” beschreibt den Strukturwandel großstädtischer Viertel im Sinne eines Anstiegs von Wohnpreisniveau und Kaufkraft. Parallel vollzieht sich ein Austausch der Wohnbevölkerung durch Abwanderung ärmerer und Zuzug wohlhabenderer Bevölkerungsgruppen.

Oder anders gesagt: coole Künstler ziehen in ein billiges Viertel, machen es durch ihre Anwesenheit cool, schöne Läden eröffnen und ziehen reiche Leute an, Vermieter freuen sich und ziehen die Mieten an - arme Künstler müssen gehen.

Die Gentrifizierung war mir ja schon aus Berlin - Neukölln bekannt: hier und da eröffnet eine neue Bar mit scheinbar willkürlich zusammengewürfeltem Mobiliar, um individuell zu sein, der kleine Gemüseladen unten bei mir im Haus musste schließen, weil die Miete so gestiegen ist. Es soll wohl auch inzwischen einen Sushiladen in meinem Block geben. Man hat die Veränderung schon bemerkt, aber es war noch recht gemächlich.

Ganz anders hier in New York. Brooklyn hat ja schon lange einige aufgewertete Gegenden, wie Williamsburg. Dort kann sich kein normaler Mensch mehr eine Wohnung leisten und am Wochenende pilgern sie aus Manhattan hierher um auf den Flohmarkt zu gehen und um sich in den Cafés zu drängen.

Bushwick war da ganz anders. Ich bin letztes Jahr im Mai hierher gezogen: mir gefiel der leicht schmuddelige Industriecharme und die künstlerische Atmosphäre. Zuerst habe ich mit zwei Musikern im Herzen Bushwicks gewohnt. Die 3er WG mit Wohnzimmer war komplett unterkellert und als Musikkeller genutzt. Dort hat mein Mitbewohner mit seiner Band geprobt und ich habe zugehört.
Zu den Bushwick Open Studios (die Künstler Ateliers der Gegend öffnen für die Öffentlichkeit) hat unsere WG teilgenommen und wir haben mit fremden Leuten in unserem Hinterhof gesessen und Bier getrunken.
Meiner Mutter war glaube ich nicht ganz so wohl in der Gegend und meine Freundin aus Berlin Mitte, die mich besucht hat, fand es auch etwas zu schmuddelig.

Ich bin dann noch einmal umgezogen, aber in Bushwick geblieben. Meine alten Mitbewohner mussten auch raus, die Miete wurde so sehr erhöht.
In den Wintermonaten bin ich nicht so viel in meiner Gegend rumgekommen, ich war mehr in Manhattan. Im Januar ist eine neue Mitbewohnerin bei mir eingezogen, sie hat die Gegend erkundet und mich gefragt “Warst du schon mal in AP Café?” “Wie findest du dies, wie findest du das?”
Und ich wusste überhaupt nicht wovon sie redet.
Die Straße in der ich letzten Sommer gewohnt habe hat 3 neue Bars und ein Café - nur die eine Straße! In den anderen ringsum sieht es ähnlich aus.
Das Café ist in minimalistischem Stil gehalten mit Eames Designklassikern als Stühlen. Die allgemein als Hipster bezeichnete Bevölkerung sitzt mit ihren Macbooks am Tisch und trinkt fettfreie Soja-Cappuccinos - Electromusik spielt dazu, die ist hier inzwischen auch mal angekommen.

Ein paar Blocks weiter in dem französischen Restaurant haben sie die Karte geändert, und die Preise. Satt wird man von den Portionen auch nicht mehr - wie edel.
Gestern war ich bei einem Soft Opening eines kleines Clubs oder einer großen Bar - mit schönen Sofas und Kronleuchtern an der Decke. Es sieht aus wie in den Clubs in Manhattan, in die ich nicht mehr gehen wollte.
Jetzt wohne ich ja sogar einen Stopp weg vom Herzen Bushwicks, aber auch hier hat letzten Samstag ein neues Café aufgemacht und seit Anfang des Jahres gibt es in meiner Straße einen Sushiladen.
Darüber will ich mich eigentlich gar nicht beschweren, die meisten neuen Geschäfte sind toll und machen die Gegend noch schöner. Ich kann in meiner Gegend auch mal schön Essen gehen, von der nächsten Bar kann ich zu Fuß nach Hause wanken und in dem Bio-Supermarkt schmeckt sogar das Brot.
Das Schlimmste sind eigentlich die Leute, die hierher ziehen. In den Studio- Apartments, in denen letzten Sommer noch 3-4 Künstler gewohnt und gearbeitet haben, wohnt jetzt ein Wallstreet Banker, der frischen Wind in sein Leben bringen will, mit einer Hochglanz-Küche, für die er wahrscheinlich eine Reinigungskraft engagieren muss.

Ich wollte auch erst in so eine Künstlerkommune mit 5 anderen ziehen. Das einzige, das mich davon abgehalten hat, war, dass es nur ein Bad gab.

Es ist beeindruckend und auch traurig wie rasend schnell die Veränderung hier vonstatten gegangen ist, aber ich bin ja auch mit dran schuld. Ich nutze ja das Angebot der neuen Cafés und Bars, die die Gegend attraktiver machen. Das hab ich nun davon, meine Miete ist auch gestiegen. Trotzdem möchte ich auch meinen zweiten Sommer in New York gern wieder hier verbringen. Mal sehen ob das geht.

Bald komme ich nach Hause geflogen: Landeanflug 29.April Berlin Tegel 7:25am Uhr Ortszeit.

Alles einsteigen, es geht in die nächste Runde!

Meine Verlängerung in New York ist bald vorbei. Am 1. April vor einem Jahr bin ich die große Reise angetreten.
Der Frühling lässt sich schon hin und wieder mal blicken und ich freue mich schon sehr auf Zuhause. New York war eine wunderbare Erfahrung und ich habe mir damit einen Traum erfüllt - einen Sommer in New York zu leben.
An den Sommer habe ich dann noch den Winter angehängt - der war zwar der kälteste seit Jahren aber New York ist auch im Winter ein Erlebnis mit Schlittschuhlaufen zwischen Wolkenkratzern und riesengroßen Weihnachtsbäumen.
Ich blicke auf ein ereignisreiches Jahr zurück und war schon traurig, dass ich nun keinen Sommer und keine Fashion Week mehr in New York erleben kann - da kam mir das Angebot der erneuten Verlängerung gerade recht. Es ist nun doch noch nicht mein letzter Sommer in New York gewesen.
Ende April komme ich aber erstmal nach Hause geflogen für ganze zwei Monate. Da habe ich hoffentlich ganz viel Zeit für Familie, Freunde und Tiere.
Ich bin schon eingeplant für Vatertagstouren und andere heimatliche Aktivitäten. Eine Reise nach Paris mit meiner Mama steht auch noch auf dem Programm. Hoffentlich auch ganz viele Ausritte durchs frühlingshafte Norddeutschland und Spaziergänge mit Hund am Strand und genauso viele tolle Dinge und Treffen mit lieben Freunden in Berlin.

Zugesagt habe ich die Verlängerung inzwischen auch. Bis dahin muss ich noch ganz viel organisieren: mein Zimmer in New York vermieten und helfen, das Zimmer meiner Mitbewohnerin auch zu vermieten, ebenso meine Wohnung in Berlin (wie das klingt…). Ich fühle mich schon wie ein Immobilienmakler. Ich stehe morgens früher auf, beantworte Frage zu Heizungstyp, Mietedauer, Kaution, Lage und ähnlichem (“kann mein Dobermann mit einziehen?”) dann vereinbare ich Termine für Besichtigungen. In Berlin übernehmen das die derzeitigen Mieter, hier fahre ich nach Feierabend nach Hause und zeige täglich Leuten die Wohnung.
Achja nebenbei arbeite ich noch als Modedesigner: Pressetage, Produktionskontrolle von 80 Hosen und 40 Kleider in der einen Fabrik und noch mal ein Haufen Kleider in einer anderen Fabrik. Die neue Sommerkollektion 2015 müssen wir auch noch starten, da ich ja 2 Monate weg bin, ist dafür ja weniger Zeit.
Viel zutun also und damit möchte ich auch meine Schreibfaulheit hier rechtfertigen. Ich nehme mir aber fest vor wieder fleißiger zu schreiben.

Sunday in Brooklyn Sunday in Brooklyn Sunday in Brooklyn

Wochenendtrip im Bundesstaat New York.

New York Fashion Week - meine Zweite.

Am Morgen vor der Show habe ich noch mit meiner Mutter geskyped.
Nach dem Duschen habe ich Mails gecheckt.
Nach Frühstücken war mir nicht. Meine Chefin hatte mir per SMS noch den Auftrag gegeben ein paar Anrufe zu machen.
Meine Mitbewohnerin hat bei der Show geholfen. Die ist schon mal los und hat lieberweise Kaffee geholt und an der U-Bahn Station damit auf mich gewartet.
Wir sind zum Studio gefahren - kurze Besprechung und alle haben sich an ihre Aufgaben gemacht.
Anschließend haben wir uns in dem Tanz Theater getroffen in dem die Show stattfand.
Mein Chef, meine Chefin und der andere Designer waren ab da meist Backstage. Ich war mit Frank (ausgesprochen Fränk) und drei weiteren Helfern vorne, wo die Präsentation stattfinden wird. Frank ist unsere Chef vom Laden in Malibu.
Ich hatte wie letztes Mal unter anderem die Verantwortung dafür, dass alle Models da sind und zum Make Up gebracht werden. Ein paar kamen zu spät aber nur 30min. Letzte Saison kam eine gar nicht und eine 1,5 Stunden zu spät, da hatte ich ganz gut zu schwitzen. Das war diesmal entspannter.
Das gesponserte Bier, sowie der Tee kamen zwar auch zu spät aber nicht so knapp wie letztes Mal. Das hatte auch ich organisiert.
Die Präsentation geht los. Das Blitzlichtgewitter ist groß. Ich bin zufrieden über die Anzahl der Fotographen. Was mir allerdings Sorgen bereitet ist, dass erst so wenige der wichtigen Editoren da sind. Da entdecke ich die von der ELLE, kurz drauf kommt die Chefin vom Fashion Institute, wir begrüßen uns freundlich und ich bringe ihr Tee. Die Editorin von “Women’s Wear Daily” kommt. Gleich beim Betreten der Location verlangt sie, dass man ihr einen Sitzplatz besorgt. Sie sitzt, trinkt Tee, Frank unterhält sich mit ihr und bringt ihr die Kollektion näher, während die Models für die Fotografen posen. Eine Editorin von Marie Claire kommt und siehe da, sie ist eine alte Bekannte der eben noch schlecht gelaunten WWD Editorin. Sie unterhalten sich und die Stimmung bei allen anderen ist auch super. Ich stehe mit meinem Klemmbrett am Rand, keins meiner drei Handys klingelt und ich schaue zufrieden in die Runde.
“Your dress is untied” sagt da jemand zu mir. Ich lächle freundlich, wie ich das immer mache, wenn ich noch über die Bedeutung eines Wortes nachdenke. “Untied” - Tie heißt Krawatte, aber auch “zubinden”. Untied ist also das Gegenteil von zubinden. Mein Kleid ist also das Gegenteil von zubinden…ACH DU SCHANDE!! Mein Wickelkleid ist aufgegangen!

Hektisch lauf ich Richtung Fahrstuhl und knote mich wieder zu. Zum Glück hat es innen noch Knöpfe. Ich war also quasi nur einseitig bis zur Hüfte “frei”. PEINLICH!!!
Ich hatte ja einige Horror-Szenarien im meinem Kopf durchgespielt, aber dass ich blank ziehe gehörte nicht dazu.
Naja Schleife wieder zubinden und so tun als wäre nichts. Hat auch fast keiner gesehen.
Ich war übrigens nicht die Einzige. Ein Herr nur mit Krone und offenem Mantel ist bei einer anderen Show über den Laufsteg gerannt.
(http://m.welt.de/video.do?id=vermischtes/article124734475/Nackter-Flitzer-stoert-Modenschau)

Weitere Vorkommnisse gab es nicht. Alle waren happy. Ich hab noch ein paar Worte zum Germany’s Next Topmodel vor deren Kamera gesagt, dann haben wir abgebaut und sind zum Studio zurück.
Ausklingen lassen haben wir den erfolgreichen Tag mit koreanischem Essen und ein paar Drinks.

Ich bin froh und erleichtert, dass jetzt alles vorbei ist. Allerdings bin ich auch etwas traurig, denn das war vermutlich vorerst meine letzte New York Fashion Week.

Einen Tag vor der Show

Einen Tag vor der Show hatten wir noch das Fitting mit der Germanys Next Topmodel Kandidatin. Da haben wir geschaut wie die Outfits an ihr aussehen und wie sie passen. Das hatten wir mit den anderen Models schon eher gemacht.
Ich habe ausschließlich den Kontakt zu dem Film-Team gehabt.
Sie würden das Ganze gern filmen wollen, haben sie gesagt.
Ich kenn ja meine Chefin, sie hätte sofort “Nein!” gesagt. Also habe ich erst mal meinen Chef gefragt. Wie man das bei seinen Eltern macht, wenn man was haben will.
Meine Chefin hat aber deutlich gemacht, dass auf keinen Fall im Atelier gedreht wird und dass einen Tag vor der Show kein unnötiger Stress herrschen soll.
Das geht natürlich vor.
Um die Ruhe sicher zu stellen habe ich drei Mal bei der Produzenten angerufen und gesagt dass nicht gefilmt werden darf.
Sie kamen trotzdem mit Kameras und haben gebeten Aufnahmen machen zu dürfen. Das hat mich schon etwas verärgert, weil ich ja weiß, dass ich dafür dann einen auf den Deckel kriege.
Das Fitting hab ich mit dem anderen Designer zusammen gemacht.
Gutmütig wie er ist, hat er sich bequatschen lassen und ihnen ein paar schnelle Aufnahmen genehmigt.
Ein Ärmel hat nicht richtig gesessen, weil die Schlaufe am Handgelenk falsch geknöpft war und die Kamera hat die ganze Zeit drauf gehalten. Immer auf meine Finger. Das hat mich total nervös gemacht. An meinen Fingern war der Nagellack abgeblättert und sie sehen total schrecklich aus. In Stresssituationen habe ich die Macke mir die Haut von den Fingern zu kauen. Vor der Fashion week waren sie auf dem Level ‘blutig gekaut’. Ich bin weg von der Kamera. Meine Zwangshandlung muss ja nicht in Großaufnahne ins Fernsehen.
Dann hat der Kameramann auf den anderen Designer gehalten (der nicht gefilmt werden wollte) und auf das sich umziehende Model. Wir haben den Dreh abgebrochen.
Es war 7 Uhr abends.
Nach dem Fitting haben wir noch Kleinigkeiten an einigen Teilen gemacht: Knöpfe angenäht, Nähte enger gemacht.
Aus einem Stück Stoff wollten wir noch ein Top machen. Das hab ich mir kurzer Hand aus dem Ärmel geschüttelt. Das Top haben wir auch bei der Show gezeigt.
Inzwischen war es 23 Uhr. Ich bin noch einmal in die eine Näherei, die noch ein Teil von uns hatte. Abgemacht war, dass es eine Woche vor der Show fertig ist - nicht ein Tag.
Ich bin dann nach Hause und habe Fotos der wichtigsten Editoren gegooglet und zu einem pdf zusammen gefasst um sie an der Tür zu erkennen. Das habe ich bis 2 am Morgen gemacht. Zum schlafen war ich eh zu aufgeregt. Morgen ist der große Tag!!