Die Supermarktschlagen nach Feierabed reichen manchmal bis zur Obsttheke am Eingang. Wenn man allerdings wie heute erst nach über 11 Stunden Feierabend macht, kommt man ganz schnell zur Kasse, da sind die mit den 9 to 5 Jobs nämlich schon Zuhause.
Die Woche war sehr kräftezehrend. Ich bin inzwischen wieder auf Plateauabsätzen unterwegs, wenn auch noch sehr langsam.
Die Kollektion ist auf einem guten Weg, die Einladungen zur Show sind fast alle verschickt, das Make Up Team aus Japan freut sich schon auf die Show - sehr beruhigend.
Beunruhigend sind die unvorhergesehenen Vorkommnisse.
Ich bin selbst jemand der zu privaten Verabredungen notorisch zu spät kommt, aber wenn ich sage ich komme, dann komme ich auch!
Wenn ich eins nicht leiden kann dann ist es Unzuverlässigkeit. Da ist zum Beispiel die eine Näherei, die die Kleider nicht näht oder andere Firmen die ihre Zusagen nicht einhalten oder erst nach wochenlanger Verspätung. Bei geschäftlichen Dingen erwarte ich da etwas mehr Genauigkeit, da bin ich wohl Klischee-deutsch.
Heute war die Stylistin da, die Modelfirmen haben mir Fotos ihrer Mädchen geschickt, ich arbeite mit der PR Firma und ich habe mit noch ein weiteres Kleid für die Show überlegt - an was man alles denken muss! Ohje ich hab den Fotografen noch nicht gebucht! Schnell mal eine e-Mail schreiben!

Einmal nicht aufgepasst und da ist es passiert: an der letzten Stufe gestolpert und mit dem Fuß umgeknickt. Einmal komplett nach hinten geknickt - hat auch ein Geräusch gemacht, bei dem einen noch beim Gedanken daran ein Schauer durchfährt.
Meine Einkaufstüten und ich wurden von Passanten wieder aufgesammelt und ich bin bin der Bahn nach Hause gefahren. Auf High Heels ist mir das noch nicht passiert, aber da hat man einmal in 3 Wochen Turnschuhe an und dann sowas. Das kann nur daran gelegen haben, dass Montag war. Montage hab ich sowie ungefähr so lieb wie Mathe oder Grippe.
Abends: Füße hoch und Eisbeutel drauf.
Morgens: Knöchel immer noch doppelt so dick wie normal.
Ich hatte ehrlich gesagt ein ungutes Gefühl ins Krankenhaus zu gehen beim Gedanken an die Kosten.
Als ich einmal mit Zahnschmerzen beim Arzt war hätte mich der Preis mehr zum Weinen gebracht als die Zahnschmerzen. Da wird einem nämlich zuerst das Kreditkartenlesegerät vor die Nase gehalten bevor was gegen die Schmerzen gemacht wird: für 1.250$ gibt’s die Wurzelbehandlung für nur 450$ können wir ihnen eine provisorische Füllung machen. Ich habe zwar eine Krankenversicherung aber die geben zahlen es nur irgendwann zurück.
Ich bin dann aber sicherheitshalber doch mal ins Krankenhaus gehinkt.
Dort hat dann niemanden interessiert ob oder wo ich versichert bin. Geld wollten sie auch noch nicht von mir, die Rechnung wird mir noch zugeschickt und es hat nur 130$ gekostet inklusive toller silberner Krücken. Das System ist hier doch gar nicht so schlecht wie sein Ruf. Erstmal kommt die Versorgung dann die Rechnung.
Die waren auch alle nett im Krankenhaus, außer dass sie mich wie einen Idioten behandelt haben.
Sie haben an meinem Fuß getastet und rumgezerrt, ich hab vor Schreck fast den Arzt getreten und die Diagnose stand fest: nicht gebrochen, nur verstaucht.
Ich frage: “Gut, dass nichts gebrochen ist, aber ich habe so ein merkwürdiges Geräusch gehört beim umknicken, kann es sein dass was mit den Bändern ist?”
Der Arzt sagt: “Sollen wir ein X-Ray machen?”
Ich schaue skeptisch: “was machen? Ich weiß nicht was X-Ray heißt?”
Die Arzthelferin und der Arzt gehen raus und kommen wieder rein mit einer Erleuchtung in ihren Gesichtern: “Rööönt-geen!”
“Achso x-Ray heißt Röntgen!” Sag ich.
Ich werde einem Röntgen-Arzt übergeben, mit den Worten: sie spricht kein Englisch.
Ich sage: “Doch ich spreche Englisch, mir war nur ein spezifisches Wort nicht bekannt.”
Der Röntgen-Arzt sagt ganz langsam: “Bone no broken!”
Mit anderen Wort: “Knochen nicht gebrochen” in Idioten-english.
Ich sage: Ja danke, das wurde mir schon mitgeteilt, aber ich wollte prüfen lassen, ob ich evtl einen Bänderriss habe.”
Er wiederholt: “Bone no broken!”
Ich geb’s auf, ich lass mich weiter wie der Sprache nicht mächtig behandeln bis ich gehen darf.
Mit Krücken und Verband schaffe ich es noch rechtzeitig zum Treffen ins Standard Hotel zur Besprechung für unsere Show dort und für ein Treffen mit der US-Korrespondentin der Textilwirtschaft. Das Highlight des heutigen Tages: ich habe schwarzes Verbandszeug in der Apotheke bekommen! Endlich passt der Verband zum Outfit.
Die nächsten Tage bleibe ich dann aber doch Zuhause und lege den Fuß hoch. Hoffe, dass das schnell vorbei ist, bald ist fashion week!

Noch 3 Wochen bis zur Show.
Da läd man Models zum Casting ein oder da fährt man schon mal mit der Nähmaschine im Taxi.
Freitag Abend hat meine Chefin den Schlüssel im Studio gelassen und ich bin noch etwas länger geblieben.
Ich habe ein Kleid entworfen, den Schnitt gemacht und den Stoff ausgewählt. Ich wollte unbedingt sehen wie es aussieht und es fertig nähen. Es war acht Uhr abends und meine Geduld war am Ende, also habe ich beschlossen morgen weiter zu machen.
Leider hat der Wein am Freitag Abend in der Bar so gut geschmeckt, dass ich erst am Samstag Nachmittag wieder Lust zum Nähen hatte.
Unser Studio befindet sich im siebten Stock in Chelsea. Wenn keiner da ist hab ich das ganze Stockwerk für mich. Platz ist Luxus, erst Recht in Manhattan.
Ein Bekannter von mir ist in eine Wohnung am Times Square gezogen. Man kommt rein, steht direkt im der Küche und hat 2 mini Zimmer und wenig Tageslicht. Es ist ein super Angebot: nur 2.000$ im Monat. Ich esse ja auch keine Eier aus Legebatterien, da will ich auch nicht in einer wohnen.
Das Kleid ist dann am Samstag fertiggeworden und ich konnte zufrieden nach Hause gehen.
Wir haben noch Bier getrunken auf meinem Rooftop und am Sonntag bin ich an den Strand gefahren (man braucht nur 55 min mit der Ubahn). Ich musste mein freies Wochenende nutzen, der Stress der Fashion week wird mir nicht mehr so viel Zeit dafür lassen.

Sunday at Rockaway beach Sunday at Rockaway beach Sunday at Rockaway beach

Was man im Vorbeilaufen alles sieht…verrücktes New York.

Die Basic Kollektion ist rechtzeitig fertig geworden und das Shooting lief super. Außerdem haben wir noch die Tücher, die in Zusammenarbeit mit einer ehemaligen Dozentin von mir entstanden sind fotografiert.
Wir waren in einem sehr professionellen Photo Studio in Brooklyn mit Photographen und einem der die Bilder schon direkt nach Drücken des Auslösers auf seinem Bildschirm bearbeitet. Zum Mittag hat uns das zum Studio gehörende Catering versorgt. Wir konnten nicht klagen, außer dass es zu wenig vegetarische Sandwiches gab. Sie hatten nicht mit dem erhöhten Aufkommen von Berliner Vegetariern gerechnet (die neue Praktikantin, meine frühere Dozentin, deren Tochter und ich)
Im September geht die neue Linie online.
Die Basic Kollektion ist in kürzester Zeit entstanden mit Arbeitstagen bis zu 15 Stunden. Obwohl wir so schnell waren hat uns das natürlich Zeit für die kommende Fashion week abgezogen. Es sind noch gerade mal ein Monat bis zur Show. Ranhalten!

Endspurt der neuen basic collection

Die Chefin der Näherei arbeitet fleißig an den Prototypen.
Bei einem Kleid hat sie die Nähweise nicht direkt verstanden. Es gibt aber schon ein Probekleid von dem Modell, aus hautfarbenen glänzenden Polyester - sexy! Diese ersten Proben werden gemacht um zu sehen ob das Kleid passt und ob die Verarbeitung funktioniert. Der Stoff ist dabei erstmal egal.
Weil Zeigen immer einfacher ist als Erklären, ziehe ich mir das Probekleid schnell über und erkläre wie die einzelnen Teile zusammen gehören. Schwer wird’s dabei wenn man die Rückennaht eines Kleides erklären will, das man gerade am Körper trägt. Für die übrigen Näherinnen ist das immer ein schöner Spaß. Naja jetzt ist jedenfalls alles klar und bei erheiterter Stimmung arbeitet es sich ja auch gleich besser.
Und weiter geht’s!

Worldcup!

Und da haben sie es doch geschafft! Die deutsche Nationalmannschaft hat sich bis zum Weltmeistertitel gekämpft!

Auf dem Weg zur Arbeit wurde ich von meinem Stammcaféverkäufer beglückwünscht als hätte ich Geburtstag und auch der Portier am Eingang des Gebäudes in dem das Atelier ruft mir schon Glückwünsche entgegen. Ich bin Deutschland! …oder so.
Das Spiel gegen Algerien hatte in einem italienisches Restaurant geschaut. Außer mir hat keiner für Tore des deutschen Teams gejubelt - huch.
Für Algerien wurde immerhin etwas geklatscht. 
Beim Brasilienspiel saß ich mit meinen Chefs und dem Chef unseres japanischen Make-Up Teams + Dolmetscher in einer Besprechung.
Der Make-Up Chef spricht zwar wenig Englisch, aber wir haben trotzdem was gemeinsam: wir kennen und mögen Werder Bremen. Heimlich haben wir zwischendurch den Spielstand gecheckt und die Überraschung in den Gesichtern  hat uns dann verraten. 

Ich hab zwar null Ahnung und auch wenig Interesse an Fußball, aber die WM verbindet die Menschen irgendwie. Da kann ich es fast verstehen, dass die komplette Fashion Week Location in Berlin dieses Jahr verlegt worden ist, damit am Brandenburger Tor Fußball geguckt und Bier getrunken werden konnte.

Das Finale hab ich in einer Sportsbar geguckt mit Regenbogenfahne im Fenster, die einige Gäste erst später verwundert entdeckten: “Oh wir sind ja in einer Gay-Bar!” Aber es gab in der Bar nur 2 Arten von Menschen: Fans für die Jungs im blauen Trikot und Fans für die in weiß. Von der letzteren Sorte glücklicherweise mehr. 

Beim Tor von Argentinien hat erst der kleine Teil der Fans gejubelt. Beim Schwenken der Fahne des Schiris hat sich dann der andere Teil gefreut. Der Herr am Nachbartisch und ich haben uns High Five gegeben. Dann haben wir uns etwas unterhalten. Er macht auch was mit Mode. Später habe ich seinen Namen gegooglet: Chef einer Modelagentur. Die haben unter anderem Heidi Klum und Claudia Schiffer entdeckt. Was man hier alles für Leute trifft.

Resümee der letzten Woche:

- Böse in den Finger geschnitten.

- Am Feiertag (Freitag 4th of July - Independence Day) gearbeitet. Danach vor dem großen Feuerwerk beinahe eingeschlafen.

- Konzept für die Basic Kollektion zum Onlineverkauf steht. Schnitte müssen noch gemacht werden. Stoffe müssen eingekauft werden. Genäht werden muss es auch noch.

Amazon hatte angefragt ob wir Teil der neuen Sektion ihrer Seite werden wollen. Dort wollen sie speziell die Produkte von New Yorker Designern vermarkten.
Der Großteil unserer Kleider befindet sich in der Preisspanne irgendwo zwischen $850 - $4.200.
Viele der Kleider sind aus 100% Seide gefertigt. Hört sich nicht nach Amazon.com an? Dachten wir uns auch.

Fazit: eine Basic Linie muss her; Schnitte werden vereinfacht, Tshirts mit aufgenommen, Seide durch preiswertere Stoffe ersetzt, oder als Details eingesetzt.
Amazon stellt ihr Fotostudio mit Equipment und Fotographen und sie übernehmen die Produktfotographien. Wann? Nächste Woche. Das Fotostudio steht uns natürlich öfter zur Verfügung, denn die Zusammenarbeit soll sich nicht nur auf das eine Mal begrenzen, aber bis nächste Woche muss der Großteil der neuen Basic Kollektion fertig sein.

Dafür habe ich diese Woche ziemlich kämpfen müssen, unter anderen bei den Stofflieferanten:
“Klar kann ich dir 60 yard (55 Meter) von dem Stoff besorgen. Wird in 2 Wochen geliefert.“
Und ich kämpfe in der Näherei in der Näherei Nr 1.: “die Chefin ist im Krankenhaus.”
Und in Näherei 2: “Wann braucht ihr das?! Oh je, naja du weißt ja: je schneller desto teurer!”
Eine Idee, die ich für ein Oberteil hatte will ich noch ausarbeiten.
Dann kämpfe ich mit den Schnitten. Die müssen geändert, vereinfacht und gradiert (von Modelgröße auf S, M und L hochrechnen) werden. Da raucht einem nach ein paar Stunden echt der Kopf.
Die anderen arbeiten noch auf Hochtouren an den prints sowohl für die neue Kollektion als auch für die Basic Linie. Das Bedrucken dauert ja auch noch eine gewisse Zeit.
Die Stoffe sind bis auf einen rechtzeitig gekommen und sind inzwischen in der Fabrik. 
Dann hatten wir noch Models zum Casting da. 
Kaffee, Kaffee, Überstunden!

…und es ist wie immer im Juli wahnsinnig heiß und schwül hier, da kommt man erst recht ins Schwitzen.
Puuh!

Was mir nicht daran gefällt wieder in New York zu sein:

- meine Lieblingsmenschen sind zu weit weg
- es gibt kaum gutes Brot
- dass einem das Kondenzwasser der Klimaanlagen auf den Kopf tropft 
- dass hier alles viel lockerer genommen wird 

Was mir daran gefällt wieder in New York zu sein:
- dass hier alles viel lockerer genommen wird
- das Wetter: Sonnenschein und 30 Grad 
- es gibt iced coffee
- mein Job
- das unendliche Angebot an Kulturprogramm und Freizeitgestaltung
- sagen zu können: ich wohne in New York.

Meistens ist es bloß Alltag, aber manchmal wird mir bewusst, dass ich in New York lebe. Es fühlt sich ein bisschen unwirklich an, als ob man zwar da ist, aber nicht wirklich dabei. 

"Sometimes it doesn’t feel quiet real or that my life there is real. That has its pleasant side as well. You never feel responsible or fully involved in anything that happens. It’s like being present and at the same time a real part of you is absent."